
Leerstand auf Rekordtief, Fertigstellungen weiter rückläufig, Mieten oberhalb der Inflation: Die Wohnungsnot in Deutschland ist kein konjunkturelles Phänomen, sondern ein strukturelles Defizit. Für Kapitalanleger mit Bestandsimmobilien ergibt sich daraus eine belastbare Investmentthese, die auf Zahlen und nicht auf Hoffnung basiert. Dieser Artikel ordnet die aktuelle Datenlage ein, benennt Chancen und Risiken und zeigt, unter welchen Bedingungen die These trägt.
TL;DR: Das Wichtigste in Kürze
Inhaltsverzeichnis
Die Investmentthese ist einfach formuliert: Wenn die Nachfrage nach Wohnraum das Angebot dauerhaft übersteigt, steigen Mieten und Immobilienwerte für Bestandshalter strukturell. Im Kern geht es nicht um kurzfristige Marktzyklen, sondern um ein Defizit, das sich über Jahre aufgebaut hat und voraussichtlich über Jahre bestehen bleibt.
Entscheidend für Kapitalanleger ist die Unterscheidung: Die These funktioniert nicht flächendeckend. Sie hängt ab von der Region, dem Objekttyp und der Objektqualität. In Ballungsräumen mit strukturellem Nachfrageüberhang ist die Datenlage eindeutig. In ländlichen Regionen mit Bevölkerungsrückgang kann das Gegenteil gelten.
Relevant ist auch der Zeithorizont. Das BBSR (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung) beziffert den jährlichen Neubaubedarf für den Zeitraum 2023 bis 2030 auf rund 320.000 Wohneinheiten. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt auf 372.000. In beiden Szenarien bleibt die Fertigstellungslücke über mehrere Jahre bestehen. Für Bestandshalter in nachgefragten Lagen ist das ein struktureller Rückenwind.
Das Defizit lässt sich an drei Kennzahlen festmachen: Leerstand, Fertigstellungen und Baugenehmigungen. Alle drei zeigen in die gleiche Richtung.
Die marktaktive Leerstandsquote in Deutschland lag laut CBRE-empirica-Index Ende 2024 bei 2,2 %. Das entspricht rund 522.000 verfügbaren Wohnungen bundesweit und ist der niedrigste Wert dieses Jahrtausends. Als gesund gilt eine Fluktuationsreserve von 2-3 %. In den meisten Großstädten liegt die Quote deutlich darunter: Hamburg, Berlin und Bayern bewegen sich seit 2020 unterhalb der 1 %-Marke.
Die LBBW bestätigt dieses Bild in ihrem Immobilien Quarterly Q1/2026: Der Leerstand befindet sich auf Niedrigstniveau, und die Fertigstellungen bleiben weit hinter dem Bedarf zurück.
Bei den Fertigstellungen zeichnet sich für 2026 ein weiterer Rückgang ab. Das IW prognostiziert rund 215.000 fertiggestellte Wohneinheiten. Der ZIA (Zentraler Immobilien Ausschuss) spricht vom selben Wert. Das ifo-Institut und das Forschungsnetzwerk Euroconstruct sind noch pessimistischer und erwarten nur 175.000 bis 185.000 Einheiten. Zum Vergleich: Das politische Ziel lag bei 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr.
Die Baugenehmigungen stiegen 2025 zwar um 10,8 % auf rund 239.000 Einheiten. Das ist ein positives Signal, reicht aber bei Weitem nicht: Zwischen Genehmigung und Fertigstellung vergehen in der Regel 18 bis 24 Monate. Die Effekte werden also frühestens 2027 oder 2028 sichtbar.
Die zentrale Erkenntnis für Kapitalanleger: Das strukturelle Defizit wird sich im laufenden Jahr nicht verringern, sondern voraussichtlich weiter vergrößern. Laut ZIA-Prognose könnten bis 2027 deutschlandweit bis zu 830.000 Wohnungen fehlen.
Bestandshalter profitieren aus mehreren Gründen stärker von der Wohnungsnot als Neubauentwickler oder Projektträger.
Erstens: Der Neubau wird durch hohe Baukosten gebremst. Seit 2021 sind die Materialpreise um rund 34 % gestiegen, die Löhne im Baugewerbe um etwa 18 %. Neue Wohnungen müssen in vielen Regionen zu Mieten ab 18-20 Euro pro Quadratmeter angeboten werden, um rentabel zu sein. Das limitiert die Neubauaktivität und schützt den Bestand vor einem plötzlichen Überangebot.
Zweitens: Die Stimmung im gewerblichen Wohnungsbau bleibt verhalten. Das ifo-Geschäftsklima für den Wohnungsbau lag zu Beginn 2026 bei minus 20,9 Punkten. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen klagt über Auftragsmangel. Die LBBW fasst zusammen: Trotz leichter Erholung bei den Aufträgen ist eine schnelle Trendwende nicht absehbar.
Drittens: Bestandsimmobilien in guten Lagen weisen eine de-facto Vollvermietung auf. In Regionen mit unter 1 % Leerstand, darunter Hamburg, Berlin und München, ist das Vermietungsrisiko für qualitativ angemessene Wohnungen nahezu null. Das sichert den Cashflow und reduziert die Kalkulationsrisiken für Bestandshalter erheblich.
Viertens: Der Gesetzgeber fördert zunehmend den sozialen Wohnungsbau. Der Bund hat die Mittel auf 4,0 Mrd. Euro für 2026 erhöht, steigend auf 5,5 Mrd. Euro bis 2028/29. Zudem soll ab Sommer 2026 ein KfW-Programm die Umwandlung von Büro- in Wohnflächen mit 360 Mio. Euro fördern. Beides verdeutlicht: Selbst der Staat setzt auf Bestand und Umnutzung, nicht auf schnellen Neubau.
Die Mietentwicklung ist der zentrale Renditetreiber für Bestandshalter. Und hier sind die Daten eindeutig positiv.
Laut GREIX (German Real Estate Index) stiegen die Mieten im vierten Quartal 2025 um 1 % gegenüber dem Vorquartal. Im Jahresvergleich entsprach das einer Zunahme von 4,5 %. Damit überstieg der Mietanstieg die allgemeine Teuerungsrate deutlich. Die LBBW rechnet für 2026 mit einem nominalen Mietanstieg von über 3 %. Reale Mietpreissteigerungen, also oberhalb der Inflation, sind auf mittlere Sicht sehr wahrscheinlich.
JLL bestätigte diesen Trend: Die durchschnittliche Median-Angebotsmiete in den acht größten Städten erreichte im zweiten Halbjahr 2025 einen Wert von 18,17 Euro pro Quadratmeter. Das Jahreswachstum lag bei 4,4 %. Die Dynamik hat sich gegenüber dem Vorjahr (7,7 %) zwar abgeschwächt, bleibt aber substanziell.
Bei den Immobilienpreisen erwartet die LBBW für das Jahr 2026 Zuwächse von 3 bis 4 % für Wohnimmobilien. Besonders dynamisch entwickelten sich zuletzt Mehrfamilienhäuser: Im vierten Quartal 2025 verzeichneten sie laut GREIX einen Preisanstieg von rund 4 % gegenüber dem Vorquartal. Der vdp meldet für das Gesamtjahr 2025 bei Mehrfamilienhäusern ein Plus von 5,3 %. Für den Bestand stiegen die Preise im Jahresdurchschnitt um 3,7 %, während Neubauten nur 1,9 % zulegten.
Der Unterschied zwischen Bestands- und Neuvertragsmieten ist dabei bemerkenswert: Laut Zensus 2022 lag die durchschnittliche Bestandsmiete bei 7,28 Euro pro Quadratmeter, während Angebotsmieten bei 9,66 Euro notierten. Diese Schere hat sich seither weiter geöffnet. In Berlin liegen Bestandsmieten teils unter 9 Euro, Neuvertragsmieten im Schnitt bei über 15 Euro. Für Kapitalanleger mit laufenden Mietverträgen bedeutet das: Es besteht erhebliches Mietsteigerungspotenzial bei Neuvermietung.
Keine Investmentthese ist ohne Risiken. Auch die Wohnungsnot-These hat Grenzen und Schwachstellen, die Kapitalanleger kennen müssen.
Regionale Divergenz: Die Wohnungsnot ist kein flächendeckendes Phänomen. Während Ballungsräume unter akutem Mangel leiden, verzeichnen ländliche Regionen, insbesondere in Ostdeutschland, weiterhin hohe Leerstände. Für Ostdeutschland (ohne Berlin) liegt die Leerstandsquote bei rund 5,4 %, einzelne Landkreise melden Werte von über 8 %. Wer in den falschen Regionen kauft, investiert gegen den Trend.
Regulatorische Risiken: Die Politik reagiert auf die Wohnungsnot mit zunehmender Regulierung. Die Mietpreisbremse wurde in vielen Ländern verlängert. Der Anteil möbliert oder befristet vermieteter Wohnungen stieg laut GREIX in zehn Jahren von 10 auf 17 %. In den acht größten Städten ist jede vierte Wohnung betroffen. Strengere Regelungen für Kurzzeitvermietungen sind ab 2026 geplant. Kapitalanleger müssen regulatorische Verschärfungen einpreisen.
Energetische Anforderungen: Objekte mit schlechter Energiebilanz verlieren spürbar an Marktwert. Die EPBD (EU-Gebäudeenergierichtlinie) verschärft die Anforderungen weiter. Immobilien mit Energieeffizienzklasse E oder schlechter gelten zunehmend als Risikopositionen. Sanierungskosten müssen in die Renditeberechnung einfließen.
Konjunkturelle Risiken: Deutschland erlebte 2025 das dritte Stagnationsjahr in Folge. Das BIP legte nur um 0,3 % zu. Die Arbeitslosigkeit steigt an. Bei einer länger andauernden Rezession könnte die Zahlungsfähigkeit von Mietern sinken und die Nachfrage nach teurem Wohnraum nachlassen. Für 2026 erwartet die LBBW ein Wachstum von 0,8 %, bei erheblichen Abwärtsrisiken durch die US-Zollpolitik und globale Unsicherheiten.
Die Datenlage spricht für eine strategische Positionierung im Bestandssegment, nicht für pauschalen Aktionismus. Drei Handlungsempfehlungen:
1. Regionale Selektion priorisieren: Die Investmentthese trägt nur in Regionen mit strukturellem Nachfrageüberhang. Fokus auf Städte und Ballungsräume mit niedriger Leerstandsquote (unter 2 %), positivem Bevölkerungstrend und diversifizierter Wirtschaftsstruktur. Ostdeutsche Landkreise mit Leerständen über 5 % sind kein geeignetes Investitionsziel für diese Strategie.
2. Mietsteigerungspotenzial realistisch bewerten: Die Schere zwischen Bestands- und Neuvertragsmieten bietet erheblichen Spielraum bei Mieterwechsel. Gleichzeitig begrenzen Mietpreisbremse und Kappungsgrenzen die Anpassungsgeschwindigkeit. Kapitalanleger sollten ihre Kalkulation auf nachhaltige, regulierungskonforme Mietentwicklungen stützen, nicht auf Maximalszenarien.
3. Energieeffizienz als Auswahlkriterium ernst nehmen: Objekte mit guter Energiebilanz (Klasse A bis C) profitieren doppelt: niedrigere Betriebskosten für Mieter und bessere Vermietbarkeit. Sanierungsbedarf muss realistisch eingepreist werden. Ein Objekt mit Energieklasse F mag günstig erscheinen, wird aber regulatorisch und wirtschaftlich zunehmend zur Belastung.
Das strukturelle Angebotsdefizit am Wohnungsmarkt führt zu steigenden Mieten und stabilen bis steigenden Immobilienpreisen in nachgefragten Lagen. Die Fertigstellungen liegen seit Jahren weit unter dem Bedarf, und eine schnelle Schließung dieser Lücke ist nicht absehbar. Bestandshalter profitieren, weil das knappe Angebot die Vermietbarkeit sichert und Mietanpassungspotenzial schafft.
Die marktaktive Leerstandsquote lag Ende 2024 bei 2,2 % und damit auf dem niedrigsten Stand dieses Jahrtausends. In Großstädten wie Hamburg, Berlin und München liegt sie unter 1 %. Zugleich verzeichnen ländliche Regionen, vor allem in Ostdeutschland, Leerstandsquoten von über 5 %. Die Situation ist also regional stark gespalten.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert für 2026 rund 215.000 Fertigstellungen. Das ifo-Institut und Euroconstruct sind mit 175.000 bis 185.000 Einheiten noch pessimistischer. Der vom BBSR errechnete Bedarf liegt bei 320.000 Wohnungen pro Jahr. Die Lücke beträgt also mindestens 100.000 Einheiten jährlich.
Das BBSR sieht den Neubaubedarf bis mindestens 2030 bei über 300.000 Einheiten pro Jahr. Da zwischen Baugenehmigung und Fertigstellung rund zwei Jahre vergehen, werden steigende Genehmigungszahlen erst ab 2027/28 wirksam. Das strukturelle Defizit dürfte somit noch mehrere Jahre bestehen bleiben.
Geeignet sind Städte und Ballungsräume mit niedriger Leerstandsquote, stabilem Bevölkerungswachstum und diversifizierter Wirtschaft. Dazu zählen die Top-7-Städte, deren Umland sowie wachsende Mittelstädte. Ländliche Regionen mit hohem Leerstand und Bevölkerungsrückgang sind für die Wohnungsnot-Strategie nicht geeignet. Das IW empfiehlt, vor allem in Städten zu investieren, wo die Fertigstellungsquote am niedrigsten ist.
Die wichtigsten Risiken sind: regulatorische Verschärfungen (Mietpreisbremse, Kurzzeitvermietung), steigende energetische Anforderungen, eine mögliche Konjunkturschwäche mit Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit von Mietern sowie regionale Divergenzen zwischen Boom-Städten und schrumpfenden Regionen. Eine sorgfältige Standortauswahl und realistische Renditekalkulation mindern diese Risiken erheblich.
Die Schere ist erheblich: Laut Zensus 2022 lag die durchschnittliche Bestandsmiete bundesweit bei 7,28 Euro pro Quadratmeter, Angebotsmieten bei 9,66 Euro. In Berlin beträgt die Differenz teils mehr als 6 Euro pro Quadratmeter. Für Bestandshalter bedeutet das Mietsteigerungspotenzial bei Neuvermietung, begrenzt durch Mietpreisbremse und Kappungsgrenzen.
Quellen: